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Almabtrieb: Wenn die Kühe wieder nach Hause kommen…

14. September 2017

Kühe gehören zu Tirol, wie die Lederhose und das Dirndl, Knödel auf der Alm oder die traumhafte Bergwelt von der wir umgeben sind. Den Sommer verbringen die Tiere auf der Alm und den umliegenden Weidegebieten. Wenn sie im Herbst vom Gebirge ins Tal zurückkehren, wird dies mit einem bunten Fest „Almabtrieb“ gefeiert.

Sommerfrische auf der Alm

Anfang Mai, wenn das erste saftige Gras gewachsen ist und für die Wiederkäuer als Futter bereit steht, freuen sich die Kühe bereits wieder. Denn nach einem langen Winter im Stall heißt es für sie: Sommerfrische auf der Alm.

 

Von ihren jeweiligen Ställen werden die Kühe per Traktoranhänger auf die Almen gebracht. 240 Stück waren das heuer in Leutasch. Doch nicht alle dürfen mit. Mutterkühe und weibliche Kälber haben das Freifahrtticket ins Grüne. Junge Stiere ab sechs Monaten müssen sich jedoch mit den Weideflächen im Tal zufrieden geben.  „Stiere können wir nicht auf die Alm schicken. Ab etwa sechs Monaten sind die meisten geschlechtsreif und das wäre zu gefährlich, weil wir dann Kühe, die gar nicht mehr kalben sollten, im Herbst tragend von der Alm nach Hause bringen“, erklärt uns Florian Mössmer, ein junger Landwirt aus Leutasch. Er selbst hat im Sommer 48 Stück Vieh im Gebiet rund um die Rotmoosalm im Gaistal.

Braun-, Fleck- und Grauvieh leben den Sommer über neben Hochlandrindern, Galloway-Rindern, 20 Pferden und Schafen friedlich zusammen.

Doch natürlich sind die Kühe sich dort oben nicht selbst überlassen. Senner sind dafür zuständig, dass sie nach dem Vieh sehen und Bericht erstatten, ob sich manche der Kühe vielleicht verletzt haben oder gar krank sind. Jeden Tag müssen sie alle Tiere einmal gesehen haben. Gemolken wird den Sommer über lang nicht.

Das feierliche Aufbüscheln 

Bereits am Vortag des Almabtriebes versammeln sich die Bauern im Gaistal und bereiten sich auf den großen Tag vor. Das Vieh wird von den einzelnen Weiden zusammengetrieben und auf Höhe der Gaistalalm in einem Anger, einem eingezäunten Gebiet, gehalten.

Am Abend setzen sich die Hirten, Senner und Bauern zusammen, denn ein Almabtrieb muss gut geplant sein, schließlich bewegen sich hier rund 130 Tonnen „Lebendmasse“ Tal auswärts. Eine ausgewachsene Kuh hat um die 650 Kilogramm, Kälber um die 150. Und wenn man jemals von einer Kuh im Laufschritt verfolgt worden ist, dann weiß man: Die können ganz schön schnell werden.

Die großen Glocken, welche den Mutterkühen umgehängt werden, werden poliert bis sie funkeln, die breiten Lederbänder sorgfältig geputzt. Auch Spiegel, welche die Kühe am Haupt tragen, gehören zu den jährlichen fixen Bestandteilen bei einem Almabtrieb. Doch das eindrucksvollste Accessoire beim Almabtrieb ist der Kopfschmuck, das sogenannte „Aufbüscheln“ der Kühe. Kränze aus Latschen, Vogelbeerästen und bunten Bändern werden einigen Kühen aufgesetzt. Imposant und anmutig ist der Anblick, wenn das schwere Tier stolz und zufrieden damit ins Tal trabt.

Doch nicht jedes Jahr kommen die Zuschauer des Almabtriebes in den Genuss aufgebüschelte Kühe zu sehen.  „Kühe werden nur dann aufgebüschelt, wenn der Sommer gut verlaufen ist und wir den Verlust keines einzigen Tieres beklagen müssen“, erklärt uns Florian Mössmer. Leider ist dies heuer nicht der Fall. Zwei Kühe sind im Sommer in den Bergen des Gaistales abgestürzt. Somit werden die Kühe in diesem Jahr ohne Hauptkronen, dafür aber mit Glocken und Spiegeln ins Tal begleitet.

Der lange Weg ins Tal

Nach rund vier Monaten auf der Alm ist schließlich der große Tag gekommen. „Das Vieh weiß, dass es wieder nach Hause geht“, sind sich die Senner und Bauern sicher. Ein wenig nervös sind sie. Vor allem die jungen Tiere, die dieses Spektakel noch nie miterlebt haben.

Vom Gaistal aus geht es in eineinhalb Stunden rund sechs Kilometer nach Leutasch Weidach. Voraus gehen die Hirten und Senner, welche mit langen Stöcken und Salz in ihren Taschen versuchen die ersten Kühe in Zaum zu halten. Beginnen nämlich die vordersten zu Laufen, schiebt die nachkommende Masse nach. Eineinhalb Stunden höchste Konzentration und Schwerstarbeit für die Bauern.

Auf der großen Wiese vor der Kirche ist vorerst das Ziel, denn dort wird zur Feier des Almabtriebes ein kleiner Kirchtag abgehalten. Die Kühe grasen hier zum ersten Mal wieder im Tal und die Bauern haben sich ein kühles Bier verdient. Von dort aus geht es schließlich weiter auf die jeweiligen Wiesen und Felder der Bauern.

Und wenn man ganz genau hinhört, dann kann man es hören: die Kühe zählen schon wieder den Countdown, bis der Winter vorüber und der Mai gekommen ist und das nächste Abenteuer auf der Alm beginnen kann.

Foto: Iris Krug, Heinz Holzknecht

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