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Der Sog der Winteridylle

Autor:
23. Januar 2018

Nach dieser Wanderung durch das winterliche Idyll des Seefelder Plateaus ist das Leben ein schönes Stück reicher. Um drei Seen, prickelnde Momente, gigantische Aussichten – und noch viel mehr.

Es knirscht unter den Sohlen. Kalt knirscht es, so eigentümlich das auch im ersten Moment auch klingen mag. Nur, wenn die Temperaturen entsprechend niedrig sind, machen die Schritte im Schnee dieses Geräusch. Zusammen mit dem fast schon kitschig blauen Himmel über Seefeld, der Sonne und dem leichten Atemnebel verleiht es der freudigen Erwartung auf diese winterliche Wanderrunde einen zusätzlichen Zauber. Wandern im Winter hat diesen besonderen Charme.

Per pedes unterwegs zu sein, lässt die Eindrücke ein wenig tiefer sinken und wer seinen Rhythmus gefunden hat, kann dabei leicht von einem meditativen Prickeln überrascht werden. Auch, wenn die Sonne nicht scheint und der Himmel nicht blau strahlt, gehen diese Eindrücke unter die Haut. Dann etwa, wenn die Umgebung in Grau-Schattierungen präsentiert und die Wanderer sich in einem alten schwarz-weiß-Film wähnen. Sind, wie hier, die Wege präpariert, kann auch kein eventuell mühseliges Versinken im Schnee das flüssige Fortkommen verzögern. Über 140 Weg-Kilometer sind in der Olympiaregion Seefeld derart einladend präpariert.

Die Vielfalt macht die Wahl durchaus zu einer Herausforderung. Lang oder doch kürzer? Mit anspruchsvollerem Anstieg oder eher gemütlich? In den Wäldern oder auf den Wiesen? Wer zwischen den nordischen oder alpinen Skitagen einen feinen Wandertag einlegen, mit den Kindern Schneebälle werfend die Gegend erkunden will oder ganz grundsätzlich die natürlichste aller Bewegungen bevorzugt, muss sich irgendwann entscheiden. Okay, heute ist die Seenwanderung an der Reihe. Sie verspricht von allem etwas. Und noch ein bißchen mehr.

Erfreuliche Gedanken

Auf der Winterwanderwege-Karte ist der Weg als Nummer 2 gekennzeichnet und schlängelt sich – schon die Grafik ist verheißungsvoll – mit kleinen „Zivilisations-Schlenkern“ in Seefeld selbst oder in Mösern durch die Wälder. Zwischen drei und vier Stunden sind einzuplanen – je nach Geschwindigkeit und je nach Länge der Einkehrschwünge zwischendurch, versteht sich.

Bei der WM-Tennis-Halle darf dem Hauptort des Plateaus ein leises Servus geflüstert werden, führt der Weg doch gleich durch den Kirchwald vorbei an Mühlegg zu den Möserer Mähdern. Wenn die kleine Steigung beginnt, ist der Rhythmus längst gefunden und Schritt für Schritt ist die Gewissheit gewachsen, dass die richtige Wahl getroffen wurde. Es ist faszinierend, wie sich der Takt im Kopf schon jetzt verlangsamt hat. Mit den Atemnebeln hat sich das Wirrwarr längst aufgelöst und weniger erfreuliche Gedanken haben Platz gemacht – für schöne.

Das ist gut so, taucht doch kurz nachdem sich wieder ein kleiner Schneeberg von einem Ast gelöst hat und mit dumpfem „Whhuff“ neben dem Weg gelandet ist, der Möserer See auf. Kurz scheint die Zeit still zu stehen. Die Ruhe, in der sich dieser kleine See mit seiner kleinen Insel präsentiert, lässt im ersten Moment nur Flüstern zu. Irgendwo unter der verschneiten Eisdecke dürfen Fische vermutet werden. Schlafen Fische im Winter mehr? Oder schlafen Fische überhaupt? Die Frage mutet eigentümlich an, doch die Antwort darauf darf warten.

Dauert es auch nicht lange, den Möserer See zu umrunden, wird schnell klar, dass die Eindrücke umso länger in Erinnerung bleiben werden. Ein Tee – mit Rum oder nicht – in der Möserer Seestube hilft, diese Erinnerung innerlich wohlig warm zu konservieren, um sich dann weiter auf den Weg zu machen. Für ein Schnitzel ist es noch zu früh. Leider.

Majestätische Wallungen

Draußen zaubert der knirschende Schnee wieder ein Lächeln auf die Lippen. Der Lottensee ist das nächste Ziel. Der Pirschsteig führt bald dorthin. Schnell geht das nicht, tut sich doch plötzlich „überall da unten“ das Inntal auf und es sind wahrhaft majestätische Wallungen, die den Körper im Angesicht dieses Panoramas erfassen. In diesem Moment ist es undenkbar, woanders sein zu wollen. Wieder tauchen Fragen auf, deren Antworten warten dürfen. Wie lange es wohl gedauert hat, dieses Tal zu formen?

Wie gigantisch muss man sich den Inntalgletscher vorstellen, der das zustande brachte? Und wie kalt war es damals? Egal, erst einmal. Auf einer der Bänke sitzend, ist die Kraft der Sonne stark geworden. Kurz noch einmal die Augen geschlossen und die Situation genossen. Dann weiter, den Pirschsteig entlang durch den Winterwunderwald – zum Lottensee. Wieder tut sich so ein Kraftplatz auf. Wieder ein See. Oder doch nicht? Der Schnee liegt nicht eben auf einer eisigen Decke, sondern eher wie in einem unregelmäßig sich ausbreitenden Bett.

Weil sich jetzt doch ein erwartungsvolles Grummeln im Bauch eingestellt und die Lottenseehütte geöffnet hat, können zwei Bedürfnisse mit einem Schlag befriedigt werden. Der Lottensee sei ein periodischer See, heißt es dort. Das Tiroler Gröst’l soll es sein, bestimmt der Gaumen. Und während diese so geniale wie deftige Tiroler Köstlichkeit den Hunger stillt, beschäftigt das Naturwunder die Gedanken. Mal wird er seinem Namen gerecht – der Lottensee – mal nicht – schlicht, weil er kein Wasser „hat“ und die Mulde streng genommen, nur Lotte genannt werden müsste. Mit dem Karstsystem hängt das zusammen und damit, wie viel Schnee schmilzt oder Regen im Frühjahr fällt. Viel wurde schon darüber nachgedacht und geforscht, doch bis heute ist es nicht gelungen, vorauszusagen, ob der See im Sommer kommt, oder ausbleibt. „Im Winter viel Schnee, im Sommer viel See“, besagt eine Bauernregel, doch auch sie hat ihre Tücken.

 

Tüpfelchen auf dem i

Die Ungewissheit hat durchaus ihre Reize, wie diese Landschaft, die auf dem Weg zum nächsten Ziel Phantasien an Elfen oder Waldgeister weckt. Gut vorstellbar, dass sie hier hausen und vielleicht haben sie sich einen tollen Geheimgang zum Wildmoos-See geschaffen, der wie der Lottensee ein unregelmäßiges Phänomen ist. Tja, es ist offensichtlich, dass sich alle ernsten Themen auf dem Weg hierher „vertschüsst“ haben und dem Kopf nach Schabernak zumute ist. Dieser Hang wird auch nicht weniger, wenn vor der Wildmoos-Alm alle Vernunft über Bord geworfen und drinnen eine richtig üppige Portion Apfelstrudel mit einem nicht weniger üppigen Sahnehäubchen bestellt wurde. Jeder Tag braucht so ein Tüpfelchen auf dem i. Und dieser Tag verdient dieses Tüpfelchen ganz besonders. Denn nicht erst auf dem Hörmannweg, der zurück nach Seefeld führt, ist sonnenklar: Diese Winterwanderung macht das Leben um ein schönes Stück reicher. Um drei Seen, prickelnde Momente, gigantische Aussichten – und noch viel mehr.

Fotos:

Stephan Elser

Text:

Alexandra Keller für das Gästemagazin zeit.los der Olmypiaregion Seefeld

Weiterführende Links:

https://www.seefeld.com/winterwandern

 

 

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