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Arbeiten & Leben

Zufall, Talent und Hingabe – die Lebenszutaten von Schnitzer Hermann Klocker

26. September 2022

Man muss nicht im Leutaschtal geboren sein, um hierher zu gehören und die Region zumindest zu einem kleinen Teil zu prägen. Das beweist Holzschnitzer Hermann Klocker seit über 20 Jahren eindrucksvoll. Das Klopfen der Schläge und die Holzspäne des gebürtigen Osttirolers zählten lange Zeit zum Inventar des Kühtaierhofs. Nun schnitzt er im Kulturhaus Ganghofermuseum und freut sich über jeden Besucher, der in seiner Schnitzstube im ersten Stock vorbeischaut.

Neue Heimat Kulturhaus Ganghofermuseum

Man hört sie gleich, wenn man das Kulturhaus Ganghofermuseum betritt: Die sanften Schläge, mit denen Hermann Klocker sein Holz bearbeitet, um aus ihm Krippenfiguren, Kühe oder Vögel zu schaffen. Kommt man in den ersten Stock, stolpert man schon mal über kleine und große Holzspäne. „Auch so kommt ein bisschen zusätzliches Leben ins Museum“, meint Klocker verschmitzt. Der 82-Jährige liebt seinen neuen Arbeitsplatz, den lichtdurchfluteten Raum mit den unzähligen Schnitzwerkzeugen und den vielen großen und kleinen Figuren, die Simse und Wände schmücken. Dass er hier gelandet ist, war ein glücklicher Zufall, wie so manches in seinem Leben. Sein ehemaliges Werkstattl im Kühtaierhof wurde anderweitig benötigt, Klocker war auf der Suche nach einem neuen Raum. „Da hab‘ ich Iris* getroffen, wir haben geratscht, sie hat mir von diesem Raum hier erzählt und gleich ein Angebot gemacht“, lächelt Klocker. „Und jetzt hab‘ ich einen Vertrag bis ich 85 bin.“ Die neue Schnitzstube sei ein Quantensprung von seinem alten kleinen Werkstattl im Kühtaierhof, das viele als finsteres Loch bezeichnet hatten. Trotzdem habe er auch das dunkle Kammerl geliebt. „Ich war glücklich da drin.“

*Iris Krug, die langjährige Leiterin des Kulturhauses und bis heute seine eifrige Seniorchefin

Das Glück ist a Vogerl – oder a Brettl und in jedem Fall die Schnitzbank!

Glücklich, weil er dort ganz und gar seiner Leidenschaft, dem Schnitzen, nachgehen konnte. Doch selbst diese große Leidenschaft, die seit weit über 20 Jahren sein Leben prägt, hat der gebürtige Dölsacher eher zufällig entdeckt.

„Wir hatten ein kleines Sommerhäusl in Karrösten (bei Imst). Dort wollte ich die Dachpfetten schmuckvoll verkleiden, aber keiner hatte Zeit.“

Also habe er es einfach selbst gemacht. Zu dieser Zeit arbeitete der gelernte Maschinenschlosser noch in Landeck. Dort hatte er bei der Firma Krismer an der Werkbank angefangen, später an den Schreibtisch gewechselt. „Das werktätige Arbeiten ist mir dabei immer abgegangen“, gibt er zu. Da kam das Schnitzen gerade recht.

Trotzdem dauerte es nach den Schmuckbretteln für die Pfetten noch ein wenig bis es richtig losging. Zu Beginn seiner Pension suchte Klocker dann aber eine Aufgabe. Er erinnerte sich an seine Zirbenbrettl vom Sommerhäusl, an die Kraft, die sie im gegeben hatten, und begann zu schnitzen. Seine erste Arbeit: Eine Figur seiner Enkelin Chiara, wie sie gerade Flötenspielen lernte. Dabei habe ihn die Leidenschaft gepackt. Und die spürt er bis heute, bei jeder Auftragsarbeit und bei jeder Spielerei, die er nur für sich macht. Diese Spielereien, wie die unzähligen großen und kleinen Vogerl, zieren dann die Schnitzstube. Und machen sie zu Klockers zweitem Zuhause:

„Ich freu mich wirklich jeden Tag, wenn ich hier in der Leutasch sein kann.“

Spendierhosen für die Ehe

Wohnhaft ist Klocker seit 40 Jahren in Telfs. Seinen Traum ins Leutaschtal zu ziehen, hat er seiner Frau Marianne zuliebe verworfen. „Ich würd‘ gern hier leben, aber Marianne wollte lieber in Telfs bleiben.“ Dafür muss sie nun an sechs Tagen pro Woche von morgens bis abends auf ihren Hermann verzichten. „Aber damit kommt sie zurande“, sagt er stolz und gesteht: „Der Sonntag gehört dafür immer ganz ihr, oft auch das ganze Wochenende. Und da hab‘ ich dann natürlich auch die Spendierhosen an.“ Zu keinem Ausflugswunsch, ob zu den Kindern oder nach Sankt Moritz, sagt er dann nein: „Dann geht’s überall hin, wohin sie mag“.

Zither und Schach – in Gesellschaft geht’s ans Spielen

Denn ein Einsiedler ist der leidenschaftliche Schnitzer definitiv nicht. Er mag die Gesellschaft, genießt es, wenn einer seiner Schachpartner in der Schnitzstube vorbeikommt. Dann wird die Schnitzarbeit beiseitegeschoben, die Pfeife angezündet, und gespielt. Bei anderen Gästen packt er auch gern mal die Zither aus und spielt a Gsatzl. Wie das Schnitzen hat er sich auch das Zitherspiel selbst beigebracht. Er spielt ohne Fingersätze oder Lagen, aber mit Freude und gekonnter Leidenschaft. „Das Schicksal hat es mit den Talenten wohl gut bei mir gemeint“, sagt er bescheiden lächelnd. Vielleicht.

Krippenzeit: die schönste Zeit im Jahr

Aber vielleicht liegt es auch gerade daran, dass Klocker alles mit viel Hingabe angeht. So freut er sich nun auch schon auf eine besondere Zeit im Schnitzjahr, die Zeit der Krippen.

„Das sind meine schönsten Aufträge, romantische Krippen in einer Berglandschaft.“

Die Figuren schnitzt er, für die Landschaften sucht er Materialien in der Natur. „Ich mache jeden Tag einen Spaziergang und schaue, was ich in der Natur finde. Das verarbeite ich dann mit viel Fantasie.“ Netter Nebeneffekt: Durch die natürlichen Materialien verliert er nie die Verbindung zu seinen Kunden. „Die Geflechte, die ich verwende, halten nicht ewig, darum muss ich sie alle paar Jahre austauschen.“ Was der 82-Jährige natürlich gern macht und sich dabei jedes Mal freut, wenn seine Arbeit in Ehren gehalten wird.

Auch Klocker selbst hält Vieles in Ehren: Vor allem seine Talente und die Chance im Kulturhaus Ganghofermuseum arbeiten zu können. Darum hofft er noch lange jeden Tag in die Leutasch fahren zu können und der Region mit seinem Arbeiten im Museum ein bisschen etwas zurückzugeben:

„Denn zu schauen gibt es bei mir immer was.“

Hermann Klocker ist meistens zu den Öffnungszeiten des Kulturhaus Ganghofermuseum im ersten Stock des Gebäudes anzutreffen. Um ihn zu finden, folgt man am besten den Schnitzgeräuschen oder dem feinen Duft des Zirbenholzes. Denn das verwendet er am liebsten zum Schnitzen. Riecht man es mal nicht, dann empfängt einen stattdessen sicher schon der würzige Pfeifenduft.

 


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Fotos: Chris Weittenhiller, Raphael Chrysochoidis

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